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Clemens Jöckle: Der Speyerer Jakobspilger. Eine Bronzestatue von Martin Mayer

Auftrag und Entstehungsgeschichte der Figur
Zur 2000-Jahrfeier der Stadt Speyer 1990 schenkte Bischof Anton Schlembach, der 95. Bischof von Speyer, der Stadt die Bronzefigur eines Jakobspilgers. Die Idee, einen Jakobspilger gestalten zu lassen, wurde bei Gesprächen zwischen dem Spender und Oberbürgermeister Dr. Christian Roßkopf, der selbst den Pilgerweg einmal mit dem Fahrrad zurückgelegt hatte, zu Beginn des Jahres 1985 entwickelt. Der Auftrag für diese Figur ging auf Anregung des Oberbürgermeisters an den in München tätigen Bildhauer Martin Mayer (geb. 16. Januar 1931 in Berlin, 1946-1954 Schüler und Gehilfe von Prof. Theodor Georgii an der Akademie der Bildenden Künste in München), der 1966 den in jenem Jahr erstmals vergebenen Hans-Purrmann-Preis der Stadt Speyer erhalten hatte und für Speyer 1972 eine lebensgroße Bronzeplastik "Pause" im Pausenhof der Woogbachschule schuf. Der Bildhauer stellte im Mai 1988 Bischof und Domkapitel ein Bronzemodell vor, das als Grundlage für die Ausführung der 3 m hohen Figur diente. Als Standort wählten Oberbürgermeister und Kulturausschuss des Stadtrates im Einvernehmen mit dem Stifter und dem Künstler den breiten Gehweg im unteren Drittel der neu gestalteten Maximilianstraße in Höhe des Geschirrplätzels, unmittelbar hinter der alten Domdechanei, dem heutigen Sozialamt. Der Pilger sollte, den Dom im Rücken, mit Blick gen Compostela zu aufgestellt werden. Die Figur wurde Anfang 1990 in der traditionsreichen Gießerei Herbich in Gernlinden bei Fürstenfeldbruck in Bronze gegossen. Am 16. Juni 1990, zu Beginn des Mittelalterwochenendes innerhalb des "Historischen Sommers", wo anlässlich des Stadtjubiläums Szenen aus dem Alltagsleben des Mittelalters dargestellt wurden, übergab der Speyerer Bischof unter großer Beteiligung der Bevölkerung und einer Gruppe von Jakobspilgern aus dem Rheinland die Figur der Öffentlichkeit.

Jakobus der Ältere und sein Grab in Compostela
Nach den Aussagen des Matthäusevangeliums (Mt 27,56) war Jakobus der Sohn des Zebedäus und der Maria Salome. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Johannes wurde er von Jesus zu seinem Jünger berufen (Mt 4,21), war bei der Auferweckung der Tochter des Jairus (Mk 5,37), und der Verklärung (Mt 17) und am Ölberg (Mt 26,36) dabei. Die Apostelgeschichte (12,2) berichtet von seiner Enthauptung durch Herodes Agrippa um das Jahr 44 n. Chr. Demnach erlitt er als erster der Apostel das Martyrium. Sein Leben, seine Missionsreisen und seine Wundertaten wurden erstmals im 5. Jahrhundert in hebräischer Sprache niedergelegt und im 8. Jahrhundert nach einer griechischen Version ins Lateinische übersetzt. Die Legende weiß von einer erfolglosen Missionstätigkeit des Apostels in Spanien, ehe er nach Jerusalem zurückkehrte. Diese Viten-Fassung wurde von Honorius von Autun mit legendären Zügen weiter ausgeschmückt: Als nach dem Märtyrertod des Apostels seine Schüler Athanasius und Theodorus den Leichnam in ein Boot legten, gelangte es, von Engeln geleitet, in sieben Tagen nach Galizien. Die Erinnerung an das Apostelgrab in Spanien sei dann als Folge der Eroberung durch die Mohammedaner verloren gegangen. Um 825 habe ein Einsiedler namens Pelagius durch Lichterscheinungen die Grabstätte wiederentdeckt. König Alfonso II. (791-842) erbaute über ihr eine Kirche. Eine andere, in Deutschland bekanntere Legendenfassung um 1165, die, um die Ehrwürdigkeit der Tradition hervorzuheben, dem im 8. Jahrhundert (!) lebenden Bischof Turpin von Reims zugeschrieben wurde, bringt die Entdeckung des Grabes mit Karl dem Großen in Verbindung, dem der Heilige im Traum erschienen sei, um seine Grabstätte zu offenbaren.
Mit der Auffindung des Grabes breitet sich die Jakobsverehrung über ganz Europa aus. Santiago de Compostela wird neben Jerusalem und Rom das bedeutendste Pilgerzentrum des Mittelalters. Durch Europa hatten sich im Mittelalter Routen gebildet, auf denen Pilger zum Grab des hl. Jakobus nach Compostela in Nordspanien zogen. Diese Pilgerstraßen wurden zunehmend fester ausgebaut und mit zahlreichen Einrichtungen, z. B. Hospitälern für die Unterbringung der in der Regel mindestens drei Monate auf dem einfachen Weg reisenden Pilger, versehen. Die beiden bedeutendsten Pilgerstraßen in Deutschland erwähnt das 1495 verfasste Wallfahrtsbuch des Hermannus Künig von Vach: eine Oberstraße, die von Einsiedeln entlang der Alpen führt, und eine Niederstraße, die von Aachen über Maastricht, Brüssel und Paris verläuft.

Speyer und die Jakobusverehrung im Mittelalter
Speyer lag an keiner der Hauptrouten, doch gibt es einige Hinweise, dass die Stadt zumindest von den Pilgern aufgesucht wurde, die von Andernach über Koblenz, Mainz, Frankfurt längs des Rheines zogen, sich dann westwärts Frankreich zuwandten und wahrscheinlich über Toul und Dijon die durchs Périgord und Gascogne verlaufende Hauptroute erreichten. Andere Pilger dürften Speyer, von den rechtsrheinischen Gebieten kommend durchreist haben. Dass Pilgerwege um Speyer vorhanden waren, deuten die alten Flurbezeichnungen "Am Pilgerpfad" in Bechtheim/Rheinhessen oder Frankenthal an. Ob diese Wege allerdings allein nach Compostela führten, muss bezweifelt werden, denn für Speyer sind ebenso Romwallfahrer wie Jakobspilger bezeugt. Der niederländischen Schwankdichter Wouter Verhee lässt in einem Ende des 16. Jahrhunderts abgefassten "taeffelspel an den twe bedelaers" zwei holländische Pilger auf dem Rückweg von Italien von ihren Reiseerlebnissen berichten. Ihr Weg führte über Köln, Andernach, Koblenz, Mainz, Frankfurt nach Speyer. Von dort zogen sie über Mailand, Pavia und Florenz nach Rom. Es scheint so zu sein, dass sich im ausgehenden Mittelalter der am Oberrhein verlaufende Pilgerpfad nach Rom (über Basel) und Compostela (über Toul) erst südlich von Straßburg geteilt hat. Auf der 1830 im Kloster Ebstorf in der Lüneburger Heide gefundenen und 1945 im Staatsarchiv Hannover verbrannten Weltkarte, wohl aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, liegt Speyer am unteren Rand auf einem nach Compostela führenden Weg.
Auf den langen Anmarschwegen war für die Pilger ein Obdach für die Nacht notwendig. Fremdenspitäler leisteten in verschiedenen Städten diesen Herbergsdienst der täglich ankommenden und nach einer Übernachtung weiterziehenden Reisenden. Die Gründungen erfolgten meist im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts. Eine der frühesten Gründungen erfolgte 1315 in Frankfurt auf dem Grundstück des dortigen Heilig-Geist-Hospitals durch Heinrich Crig aus Speyer. Die von ihm gestiftete Fremdenherberge war allerdings bereits um 1450 so baufällig, dass sie durch einen Neubau, der "Martha-Spital" bezeichnet wurde, an anderer Stelle der Stadt ersetzt wurde. Als Frankfurt zur Reformation übertrat, diente die Pilgerherberge als Zeughaus. Ungewöhnlich gut sind wir über die Pilgerherberge in Bruchsal, das im Mittelalter zum Bistum Speyer gehörte, unterrichtet: Ursprünglich bot sie nur ein Obdach auf einem Strohlager, bis Christina Wagassin von Buechelnawe am 5. September 1443 Mittel für eine abendliche Speisung der Gäste mit Erbsenbrei stiftete.
In Speyer selbst existierte, 1180 erstmals urkundlich erwähnt, eine Jakobskapelle, die offenbar nach einem gründlichen Umbau zur Pfarrkirche erhoben wurde. 1689 haben sie französische Soldaten zerstört. Ein kleiner Brunnen an der Ecke Heydenreichstraße/Hellergasse mit einem Steinrelief, das den Traum des alttestamentlichen Patriarchen Jakob von der Himmelsleiter zeigt, erinnert sowohl an diese Kirche als auch an die nach Abtragen der Ruine im 19. Jahrhundert dort errichtete Synagoge. Vielleicht stammt auch die Steinfigurengruppe der Pilgerkrönung bzw. Segnung durch den hl. Jakobus im Historischen Museum der Pfalz in Speyer aus dieser Jakobuskirche.

Die Bronzestatue
Sehr gesammelt zeigt Martin Mayer den Pilger, in einen weiten Mantel gehüllt, den Blick unter dem breitkrämpigen Hut vor sich auf seinen Weg gerichtet, ohne auf die Umgebung zu achten, mit ausholendem Schritt auf großen bloßen Füßen. Seine rechte Hand, die energisches Zupacken gewohnt ist, umgreift den Pilgerstab, an dem rücklings die Kalebasse baumelt. Die andere Hand lüftet den Mantel. Eine kräftig gebaute Figur ist in Haltung, Gestik und Mimik der Außenwelt verschlossen. Das Antlitz verrät in seiner konzentrierten Dichte die Einsamkeit des Wanderers und das innere Getriebensein zum Bestimmungsort hin. Die Augen blicken halluziniert, als ob ihnen eine visionäre Schau bereits das Ziel demonstriere. Die nach außen gestellten Ellenbogen deuten das energische Sich-Durchsetzen gegen innere und äußere Widerstände an. Wie ein Hemmnis wirkt auf der Vorderseite der wuchtige Faltenwurf des schweren Pilgergewandes, das der vom Ziel der Pilgerschaft inspirierten Figur nicht nur die Augen aufleuchtenden Gedankenflug auch die irdische Beschwernis aufnötigt. Martin Mayer hat mit diesem Motiv einen äußeren Hinweis auf die bedrängende Sorge jedes Pilgers gegeben, vielleicht doch vergebens aufgebrochen zu sein. Das Gewand bietet Schutz, indem es den Leib umhüllt und verkörpert zugleich die Last, die der Pilger mit sich trägt. An der Seite lugt das Untergewand durch das weit ausholende Schreiten hervor. Eine diagonale, steife Röhrenfalte gliedert die Rückenpartie, sie unterstützt die Schreitbewegung und überträgt den Rhythmus des Schrittes auf die ganze Figur.
Die Gewandung des Jakobspilgers entspricht jener aus mittelalterlichen Peregrinusspielen (gegen 1100) am zweiten Ostertag mit der Darstellung des Ganges der Jünger nach Emmaus. Auf dem Weg begegnete ihnen, den Fremden, Christus als Peregrinus (= Fremder). Von dieser Bezeichnung wurde später das Wort Pilger abgeleitet. In der Spielanweisung wurde gefordert, die drei Darsteller müssten nach Art der Pilger wohl gekleidet sein, angetan mit dem Untergewand, Mantel, Hut mit einer Muschel als Abzeichen daran oder auf den Kleidern, Stab und Ranzen oder Pilgerflasche tragend, bärtig und barfuß.
Diese Attribute binden den Speyerer Jakobspilger in die Tradition und die geschichtliche Überlieferung ein. Vornehmlich bei spätgotischen Pilgerstatuen verschmilzt die Gewandung gewissermaßen mit dem Körper, indem sie die Figur gänzlich umkleidet. Dies vollzieht sich in der Vorstellung des himmlischen Gewandes, das den Körper verdeckt und alles Irdisch-Sinnliche in sich verschließt. Martin Mayers Jakobspilger erweist sich dagegen als Bejahung des Irdisch-Sinnlichen, wie z.B. die zum Betasten, zum Anfassen verleitenden Beine oder Füße zeigen. Dazu kommt, wie Werner Haftmann im Zusammenhang einer anderen Gewandfigur Martin Mayers, seiner ebenfalls überlebensgroßen Bronzefigur des hl. Franziskus in der Münchner Sonnenstraße, formulierte, "die Dialektik zwischen Kernform und Hüllform"*): Das Gewand als Hülle bildet einen Gegensatz zu dem Körper als verhülltem Kern. Beine und Kopf wirken fragil gegenüber dem rhythmisch im Schreittakt schwingenden Mantel, unter dem aber die Kernform des Leibes durchscheint, wie Rücken und Schulter in ihrer Bewegung deutlich machen. Dieses Zusammenwirken wird zu einer plastischen Figur aus statuarischer Masse und beseeltem Erregtsein. Martin Mayer vermag zu veranschaulichen, dass Gottes Geist diese Figur in Bewegung gesetzt hat.
Die Beziehung der Statue zur umgebenden Architektur ist in vorliegendem Fall von besonderer Bedeutung. Die Tektonik im Bildwerk steht im Einklang zur Westseite des Domes. Das in ein Dreieck zusammengefasste Oberteil des Pilgers (Figura piramidale) passt sich in die Fassade der Domvorhalle sichtbar ein. Ihr Giebel bildet quasi den Baldachin der Figur. Auch zum strengen Straßenbild setzt der Pilger einen markanten Akzent und bewirkt eine Gliederung der Maximilianstraße zwischen Dom und Alter Münze.
Ein Anliegen des Speyerer Jakobspilgers liegt in dem Hinweis auf ein grenzenloses Europa begründet, dessen Wallfahrten im Mittelalter völkerverbindend waren. Tiefer führt die geistliche Erkenntnis, die Kirchenlehrer Augustinus bis heute gültig formuliert hat: "Wisset, dass ihr Pilger seid auf dem Weg zum Herrn."

*) Werner Haftmann: Der Bildhauer Martin Mayer. Callwey Verlag, München 1988.



Quelle:
Der Speyerer Jakobspilger. Einführung Clemens Jöckle, Aufnahmen Martin Mayer. Verlag Schnell & Steiner, München/Zürich 1990. 2. Auflage, Regensburg 1995.



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